Archiv für Oktober 2012

Geht denken

30 Jahre und ein paar Tage ist es nun her, dass der Werder-Fan Adrian Maleika im Rahmen des Spiels Hamburger SV gegen den SV Werder durch einen Steinwurf tödlich verletzt wurde. Solche Verluste sind immer traurig und unbegreiflich. Erst recht, wenn sie so sinnlos erscheinen – Adrian Maleika ist gestorben, weil er Werder-Fan war.

Die Ereignisse von damals sind, sehr beeindruckend wie ich finde, in einer kürzlich gesendeten Dokumentation des NDR festgehalten worden.

Ich würde diesen Beitrag gerne an dieser Stelle abschließen, allerdings habe ich wenige Tage vor dem Jahrestag einen internen Brief an Teile der Bremer Fanszene zu Gesicht bekommen, welcher dazu einlud, gemeinsam am Todestag zum Grab Adrian Maleikas zu gehen und diesem dort zu gedenken.

In dem Brief, der von den Wanderers Bremen unterschrieben ist, findet sich die Formulierung von einer „erneuten internen Aufarbeitung dieser Katastrophe“, denn „solch Unvorstellbares ist auch heute noch nicht ausgeschlossen und Geschehenes nicht vergessen“. Gerade an diesem Punkt musste ich stocken und war irritiert.

Dass sowas auch heute nicht ausgeschlossen ist, ist eine wichtige (allerdings auch logische) Erkenntnis. Doch was bedeutet Aufarbeitung in diesem Fall konkret? Dass jede Person für sich schaut, wie sie selbst mit Gewalt umgeht? Dass man sich gemeinsam hinsetzt, diskutiert, vielleicht eine Podiumsdiskussion zu dem Thema macht? Dass man versucht, möglichst viele Fans einzubeziehen, um dauerhaft den Konsens zu brechen, dass Derby-Stimmung immer mit Gewalt verbunden sein muss? Dass man immer und immer wieder auf die Gewalt-Problematik beim Fußball und die möglichen Folgen hinweist?! Pustekuchen. Es wird zum Grab gegangen, ein Kranz niedergelegt und sich selbst inszeniert: „Schaut, wie wir trauern – wir haben daraus gelernt!“.

Mitnichten. Es geht schon mit einfacher Derby-Rhetorik los („Tod und Hass dem HSV!“), Fans verkleben Sticker mit der Aufschrift „Hamburger jagen!“ und traditionell findet sich der Höhepunkt beim Frustabbau nach dem Spiel im Viertel. Es ist über die Jahre eine martialische, mit Hass aufgeladene Derby-Kultur entstanden, die bis heute anhält. Und ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich die Faszination kenne und ich mich früher oft habe hineinziehen lassen. Dass es auch ohne geht – und dass man sich dafür nicht komplett von der Rivalität mit dem HSV lossagen muss – ist in meinen Augen eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahre in Teilen der Fanszene.

In Anbetracht der Tatsache aber, dass Hass und die oft daraus resultierende Gewalt für viele zum Derby dazugehört und entsprechend propagiert wird, erscheinen Aktionen wie die Kranzniederlegung vor ein paar Tagen nicht mehr als bloße Lippenbekenntnisse, nicht mehr als eine geheuchelte Maskerade.

Versteht mich nicht falsch:

Ich finde es gut und wichtig, den Hinterbliebenen und damals wie heute direkt Betroffenen, der Familie, den Freund*innen und Bekannten, zu zeigen, dass der Tod Adrian Maleikas und die Umstände, die dazu geführt haben, nicht vergessen sind – aber ohne das eigene Handeln und die Umstände (die ohne Zweifel in vielen Köpfen immer noch existieren) zu reflektieren, inklusive dem wirklichen Willen, dies zu ändern, wird das Trauern mancher zu einer Farce und reinem Selbstzweck.

RIP.

RIP HOPPE – FÜR IMMER IM HERZEN